Griphos

Seit 2025 gibt es das Vokalensemble Griphos und ich bin dankbar und stolz, Teil davon zu sein! Griphos trägt seinen Namen von γρῖφος – dem Rätsel. Im Zusammenhang mit dem spätmittelalterlichen Denken kann dieser Begriff geistige Spiele, verschlüsselte Bedeutungen und mehrdeutige Formen der Erkenntnis umfassen.

Genau diesem Prinzip fühlt sich das Ensemble in seiner künstlerischen Arbeit verpflichtet. Zugleich schwingt auch die Bedeutung des Greifs mit: ein kraftvolles Fabelwesen, Hüter von Geheimnissen und Grenzgänger zwischen Welten.

Griphos beschäftigt sich mit der zauberhaft komplexen Polyphonie des ausgehenden Mittelalters, in der kryptische Notationstricks, Mehrdeutigkeiten und symbolische Bezüge eine zentrale Rolle spielen. Die modale Musizierweise dieser Zeit bildet das Fundament der Ensemblearbeit: Klangliche Bewegung, gemeinsame Resonanz, entsteht aus dem Hören, aus dem Wahrnehmen von Obertönen, aus körperlichem Spüren und der Sprache.

Das Ensemble besteht aus acht Musiker:innen aus sieben verschiedenen Ländern. Viele von ihnen musizieren sowohl vokal als auch auf zeittypischen Flöten- und Streichinstrumenten des 15. Jahrhunderts.

Helle, sanfte Klangfarben prägen das Klangbild von Griphos. Wir musizieren ausschließlich aus originalen Neumen- und Mensuralnotation, gemeinsam aus einem großformatigen Chorbuch.

Jedes Ensemblemitglied bringt darüber hinaus eigene fachliche Schwerpunkte in die gemeinsame Arbeit ein: langjährige Erfahrung in Ensembleleitung, musikwissenschaftliche Forschung, Lehre im Bereich früher modal geprägter Musik, internationale Konzertkarrieren im Bereich der Alten Musik, musikethnologisches Arbeiten, Praxis als Troubadour, Projektorganisation und Musikvermittlung. In der gemeinsamen modalen Denkweise verbinden sich diese Perspektiven organisch zu einer vielstimmigen, lebendigen Ensembleidentität.

Cantus Maaike Feijten, Laura Dümpelmanna 

Altus/Tenor Zuzana Gulováa, Laura Hanetsedera Pascal Renaud, Milo Machoverb

Bassus Dávid Budaic, Kaspar Ditters 

Künstlerische Leitung: Milo Machover & Kaspar Ditters

a auch Blockflöten, b auch Traversflöte, c auch Rabab

L´ardant desir – Das Feuer des heiligen Antonius

Ensemble Griphos lädt in den geistigen und musikalischen Kosmos des späten Mittelalters ein. Im Zentrum steht die geheimnisvolle Missa L’ardant desir, anonym überliefert und heute Antoine Busnoys (ca. 1430-1492) zugeschrieben. Der Titel L’ardant desir – das „brennende Verlangen“ – verweist nicht nur auf ein Liebeslied, sondern auch auf das sogenannte Antoniusfeuer: eine mittelalterliche Krankheit, die mit brennenden Schmerzen und Halluzinationen einherging. Der Heilige Antonius galt als Schutzpatron der Erkrankten, und sein Orden widmete sich ihrer Pflege. Diese historische Verbindung bildet den poetischen Resonanzraum des Programms. Die der Messe zugrunde liegende Melodie wurde mit kryptischen Anweisungen versehen, die beim Singen aus einem gemeinsamen Chorbuch Musizierende wie Publikum gleichermaßen wieder und wieder dazu anregen, sich in die Mentalität des 15. Jahrhunderts hineinzuversetzen. Umrahmt von gregorianischen Gesängen zum Fest des Heiligen Antonius sowie Werken von Busnoys und Johannes Ockeghem (ca. 1410-1497) entfaltet sich ein Programm, das Musik, Geschichte und Imagination berührend miteinander verwebt.

Premiere am 20.10.2026, 19:00 – Immanuelkapelle, Bremen-Walle

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